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Interview mit Collien Ulmen-Fernandes

Lotti und Otto

Die Schauspielerin und Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes hat letztes Jahr ihr erstes Bilderbuch „Lotti und Otto“ geschrieben. Es geht um zwei Otter, welche sich aufgrund ihrer Vorlieben mit den typischen Geschlechterklischees dieser Zeit auseinandersetzen müssen, denn Lotti macht gern Jungssachen und Otto Mädchensachen… Am Ende gilt aber – sei einfach du selbst und das finden wir bei Kleine Heldinnen natürlich klasse! Daher hat unsere Mitstreiterin Andrea das Buch gleich rezensiert und dazu noch ein Interview mit Collien Ulmen-Fernandes organisiert:

 

Kleine Heldinnen: Warum haben Sie ein Kinderbuch über Geschlechterrollen geschrieben? Wollten Sie in erster Linie ein Kinderbuch schreiben oder wollten Sie etwas zum Thema Geschlechterrollen machen?

C. Ulmen-Fernandes: Als der Verlag mich anfragte, ob ich Interesse daran hätte, ein Kinderbuch zu schreiben, kam mir sofort dieses Thema in den Sinn, da mich die einseitige Geschlechterdarstellung im Kinderbuchregal meiner Tochter sehr nervte. Ich wünschte mir alternative Role Models: Jungen, die auch mal ihre sensible Seite zeigen dürfen und mutige, furchtlose Mädchen. Da ich meist nur das Gegenteil fand, wollte ich das Thema selbst angehen und selbst Abhilfe schaffen. Daher freue ich mich natürlich sehr darüber, dass das Buch mittlerweile ein Bestseller ist.

Kleine Heldinnen: Wann wurde Ihnen bewusst, welchen Einfluss traditionelle Geschlechterrollen immer noch haben?

C. Ulmen-Fernandes: Es gab nicht den einen Schlüsselmoment. Dieses Gefühl setzte sich aus vielen Erlebnissen zusammen.

Eine pädagogische Fachkraft sagte doch tatsächlich mal zu meiner Tochter, als es um Sportarten ging: „Seilspringen ist das einzige, was Mädchen besser können als Jungs.“ Das finde ich ungeheuerlich. Zumal sich Muskelmasse und sportliche Leistungen von Mädchen und Jungen bis zum Beginn der Pubertät nicht unterscheiden. Wenn dir als Mädchen aber immer wieder gesagt wird, dass du nicht so stark bist wie die Jungs, dann glaubst du das irgendwann auch. Erst mit der Pubertät steigt der Testosteronspiegel, mit den bekannten Begleiterscheinungen. Bis zum zehnten Geburtstag haben Jungen und Mädchen aber gleich viel von dem männlichen Geschlechtshormon im Blut, nämlich praktisch nichts. Bis dahin gibt es keinerlei Unterschied. Weil Mädchen aber immer suggeriert wird, dass Jungen stärker sind, trauen die sich natürlich weniger zu.

Das Ergebnis hatten wir auch in meiner ZDF-Sendung „No more boys and girls“. Da sollten die Kinder ihre eigene physische Kraft einschätzen. Sämtliche Mädchen hielten sich für wesentlich schwächer, als die Jungs. Die waren dann alle sehr überrascht, als sie im Kräftetest genau so gut abschnitten. Das wäre tatsächlich auch für meine Kindheit eine wichtige Info gewesen: Hätte ich das gewusst, dass ich genau so stark bin, wie die Jungs, hätte ich mir auf jeden Fall mehr zugetraut.

Kleine Heldinnen: Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit starren Geschlechterrollen gemacht?

C. Ulmen-Fernandes: Es gab diesen Moment bei meiner Erstkommunion: Ich wollte in einer Hose hingehen. Mädchen sollten dort aber Kleider tragen. Ich mochte damals aber keine Kleider, fand sie unpraktisch und habe mich darin nicht wohl gefühlt. Ich habe mich dann aber überreden lassen. Auf allen Bildern in diesem Kleid stehe ich mit verschränkten Armen da und man sieht mir an, dass ich das überhaupt nicht gut finde.

Kleine Heldinnen: Welche Frauen waren oder sind für Sie ein Vorbild?

C. Ulmen-Fernandes: Als Kind habe ich alle Pippi Langstrumpf-Bücher gelesen. Ich mochte, dass sie so stark ist, so unabhängig, sich von niemandem etwas sagen lässt. Das hat mich damals sehr beeindruckt.

Kleine Heldinnen: Worauf legen Sie bei der Erziehung Ihrer Tochter wert?

C. Ulmen-Fernandes: Meine Tochter kam mit extremen Geschlechterklischees aus dem Kindergarten, sagte mir, das gewisse Sachen nichts für Mädchen, sondern Jungssachen sind, so wie Roboter, Löwen, Autos, Skateboards, Hip Hop, etc. Das haben ihr die Jungs so erzählt. Ich habe ihr dann erst mal beigebracht, dass alle Sachen Mädchen UND Jungssachen sind, und sie sich nicht einreden lassen soll, dass es irgendetwas gibt, was Mädchen nicht können oder dürfen. Gleiches gilt im Übrigen auch für Jungs. Ich höre immer wieder von Jungsmüttern, dass ihre Söhne gehänselt werden, wenn sie sich nicht „wie ein richtiger Junge verhalten“, eher sensibel sind. Ich wollte die Jungs und ihre Rollenzuschreibungen nicht außen vor lassen. Daher spielen in meinem Buch auch beide Geschlechter eine gleichwichtige Rolle.

Kleine Heldinnen: Ihr persönlicher Kinderbuchtipp?

C. Ulmen-Fernandes: Good Night Stories for Rebel Girls. Meiner Tochter gefiel das Buch zwar nicht so gut, aber ich als Mutter finde es sehr toll. Es ist auch eher etwas für ältere Kinder, da es interessante Frauen und deren Biografien vorstellt und „gar keine Geschichte erzählt“, wie meine Tochter bemängelte. Ich finde es ein super Gegengewicht zu den aktuell sehr omnipräsenten Prinzessinnen, die zurzeit auf jedem „Mädchenprodukt“ zu finden sind. Außerdem habe ich meiner Tochter das Kinderbuch „Malala – für die Rechte der Mädchen“ vorgelesen. Ich habe beim Vorlesen allerdings einige Teile ausgespart, da auch dieses Buch eigentlich eher für ältere Kinder ist, zB haben in meiner Vorleseversion die Taliban Malala nur „geärgert“. Eine Zeit lang wollte sie das Buch jeden Abend vorgelesen bekommen und danach Bilder von Malala Yousafzai angucken, um zu sehen, wie Malala „in echt“ aussieht. Malalas Geschichte hat sie sehr fasziniert. Aber ich möchte nochmal betonen, dass man die Geschichte für jüngere Kinder dringend umformulieren muss, bevor man sie vorliest, da sie an manchen Stellen doch sehr hart ist und man sonst Gefahr läuft diese Stellen ausversehen mitzulesen.

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