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Gleichberechtigung vorleben

Unsere Eltern prägen uns ganz maßgeblich in so vielen Dingen, die uns oft erst Jahre später bewusst werden. Zumindest uns geht es so, dass wir jetzt, da wir selber Eltern sind, immer wieder feststellen, wie viel wir von unseren Eltern haben. Und das prägt auch unser Verständnis von Gleichberechtigung.

Ich mag die Farbe blau. Soweit ich zurückdenken kann, ist blau schon immer meine Lieblingsfarbe gewesen. Wenn ich heute darüber nachdenke, warum das so ist, finde ich den Grund total lustig. Es ist nämlich mein Vater, der meine Lieblingsfarbe geprägt hat.

Meine Eltern trennten sich, da war ich fünf Jahre alt. Als mein Vater auszog, wurde er ein richtiger Held für mich. Ich begann, ganz arg an ihm zu hängen und alles besonders großartig zu finden, was er gut fand. Weil er der größte für mich war, stand für mich fest, dass seine Vorlieben auch die richtigen für mich sein mussten. Und so wurde meine Lieblingsfarbe blau – und ist es bis heute.

Ich bin das einzige Kind meiner Eltern und habe vielleicht genau deshalb das Glück gehabt, dass mein Vater alles mit mir gemacht hat. Vielleicht wäre es anders gewesen, hätte ich noch einen Bruder gehabt. Vielleicht hätte mein Vater in ihm, dem Jungen, einen passenderen Gefährten für viele Abenteuer gesehen. Ich werde es nie erfahren. Aber so sehr ich mir immer einen Bruder gewünscht habe, so froh bin ich heute, dass mein Vater mir so vieles mitgegeben hat, das mir sonst eventuell verborgen geblieben wäre.

Ohne meinen Papa hätte ich wahrscheinlich nicht den Mathe Leistungskurs belegt. Ohne meinen Papa könnte ich definitiv nicht so gut mit dem Computer umgehen. Ohne meinen Vater hätte ich nicht so viel Ahnung von Schaltkreisen und würde mir die Bowling Kugel vielleicht immer noch auf die Füße werfen. Gleichzeitig hätte ich ohne meinen häuslichen Papa vielleicht nicht den Anspruch an meinen Mann, dass er genau so im Haushalt mithilft wie ich.

Wir rufen oft nach Gleichberechtigung und mehr Chancengleichheit und übersehen dabei, dass es die vielen kleinen Dinge im Alltag sind, die wir unseren Kindern mitgeben oder eben nicht, die darüber entscheiden, was sie interessiert und was sie lernen. Ich finde, dass Papas dabei eine ganz entscheidende Rolle spielen.

In unserer Familienkonstellation finde ich großartig, dass unser Sohn lernt, dass Mama und Papa gleichermaßen abwaschen, staubsaugen und die Glühbirne wechseln können. Das, was wir unseren Kindern vorleben, wird ihre Vorstellung von Gleichberechtigung ganz maßgeblich prägen. Und die Angebote, die wir unseren Kindern machen, werden ihnen helfen, ihre eigenen Interessen und Vorlieben zu entdecken.

Mein Mann ist schon jetzt begeistert dabei, unseren Sohn in die Welt des Hämmerns und Tüftelns einzuführen. Ich freue mich schon darauf, wenn er das erste Mal meine Nähmaschine ausprobieren kann. Ich singe und tanze gern mit ihm. Mein Mann zeigt ihm enthusiastisch Insekten und erklärt ihm den thermodynamischen Prozess des Kaffeekochens. Und es gibt keine spezifischen Mama- oder Papa-Aufgaben. Jeder darf das machen, woran er und sie Spaß hat – und natürlich gibt es auch immer wieder Aufgaben, die nun mal erledigt werden müssen (von beiden!). Das ist das, was wir unserem Kind mit auf den Weg geben wollen.

Nur wenn wir eine Welt der Gleichberechtigung ernsthaft vorleben, werden unsere Kinder in sie hineinwachsen und sie weiterführen können.

 

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